Berlin (ddp). Bundeskanzlerin Angel Merkel (CDU) droht neuer Ärger: Mehrere Ministerien stellen sich beim geplanten Sparpaket der Bundesregierung quer. Nach einem Bericht der «Süddeutschen Zeitung» begehren vor allem das Wirtschafts- und das Justizministerium auf, aber auch die Ressorts für Verkehr, Soziales und Umwelt. Einzelne Ministerien räumten ein, es gebe noch «Abstimmungsbedarf». Unions-Fraktionschef Volker Kauder (CDU) äußerte sich verärgert über die Blockade. Die SPD sieht den Widerstand als Zeichen für Merkels Autoritätsverlust.
Zur Haushaltssanierung plant die Bundesregierung unter anderem Kürzungen beim Elterngeld und bei den Zuschüssen für «Hartz IV»-Empfänger, die Einführung einer Luftverkehrssteuer und einer Brennelementsteuer für Kraftwerksbetreiber. Die Koalition hatte das Konzept im Juni bei einer Sparklausur beschlossen.
Nun regt sich jedoch Widerstand in den eigenen Reihen. Hauptstörenfried ist laut «Süddeutscher Zeitung» Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP), dessen Unterhändler sich vor allem gegen den Abbau von Vergünstigungen bei der Ökosteuer wehren. Außerdem ziehe Brüderle gegen die neue Luftverkehrssteuer zu Felde. Das Verkehrsressort moniere, dass diese Steuer nicht zeitlich befristet werden soll. Das Sozial- und das Umweltministerium würden die Steuersätze laut Bericht gerne nach Passagierklassen oder nach dem Kohlendioxidausstoß der Flugzeuge staffeln.
Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) wehre sich gegen das Vorhaben, im Insolvenzrecht das sogenannte Fiskusprivileg wieder einzuführen, schrieb die Zeitung weiter. Die Klausel erlaubt es den Finanzämtern, im Falle einer Firmenpleite als erste auf die Konkursmasse zuzugreifen.
Ein Sprecher des Justizministeriums sagte ddp, über die genaue Ausgestaltung des Fiskusprivilegs werde noch diskutiert. An den Sparzielen halte man aber fest. Brüderle sagte, er führe derzeit Gespräche «mit anderen Ressorts, aber auch mit betroffenen Unternehmen», um über die Umsetzung der Sparbeschlüsse zu beraten. Dabei komme es ihm besonders darauf an, «intelligent» zu sparen, also das Wachstum zu stärken und Wettbewerbsverzerrungen zu verhindern. Auch das Verkehrsministerium stellte klar, es gebe noch «Abstimmungsbedarf» über die Luftverkehrssteuer. Das Sozialministerium wies dagegen die Darstellung zurück, das eigene Haus habe Einspruch bei dieser Abgabe erhoben.
Das Finanzministerium erinnerte die übrigen Ressorts daran, dass das Kabinett das Sparpaket gemeinsam beschlossen habe. Auch Kauder reagierte mit Unverständnis auf die Ressort-Einwände. Es sei nicht hinnehmbar, dass eine Regierung Entscheidungen treffe – wie etwa zum Sparpaket – und Regierungsmitglieder das Konzept kurz darauf wieder kleinredeten. Das fördere nicht die Glaubwürdigkeit der Koalition. Über einzelne Punkte wie die Kürzungen beim Elterngeld oder die Brennelementesteuer erwartet Kauder noch Debatten. Dies sei etwas ganz Normales. «Zum Problem wird das Ganze doch erst, wenn Koalitionsmitglieder die Rolle der Opposition in der Koalition übernehmen», kritisierte er.
Auch der FDP-Nachwuchs zeigte sich wenig begeistert. Die Regierung dürfe das Sparpaket «auf keinen Fall wieder aufschnüren und Diskussionen über die Aufweichung in einzelnen Ressorts zulassen», sagte der Bundesvorsitzende der Jungen Liberalen, Lasse Becker. Die JuLis erwarteten gerade von den FDP-Ministern im Kabinett, «dem erklärten Sparwillen nun auch Taten folgen zu lassen».
Kritik kam auch aus der Opposition. SPD-Fraktionsvize Joachim Poß wertete das Aufbegehren der Ressorts als Zeichen der schwindenden Autorität der Kanzlerin. Da das Sparpaket «ein Sammelsurium von Maßnahmen ohne inhaltliche Linie» sei, gerate das Kabinett «außer Rand und Band». Der Grünen-Haushaltsexperte Alexander Bonde sagte: «Offenbar haben viele Minister den Ernst der Haushaltslage immer noch nicht verstanden.»
ddp