Los Angeles (ddp). Bei der 82. Oscar-Verleihung hat Realität über Fantasy triumphiert. Der Irakthriller «Tödliches Kommando – The Hurt Locker» konnte sechs seiner neun Nominierungen in Trophäen umwandeln, darunter für den besten Film und die Regie. Kathryn Bigelow wurde damit in der Nacht zum Montag die erste Frau, die je einen Regie-Oscar gewonnen hat. Der ebenfalls neunfach nominierte 3D-Film «Avatar – Aufbruch nach Pandora» ihres Ex-Manns James Cameron musste sich mit drei Academy Awards begnügen. Das für Deutschland angetretene Vorkriegsdrama «Das weiße Band» ging in der Kategorie des besten nicht-englischsprachigen Films leer aus. Dafür wurde der Österreicher Christoph Waltz als bester Nebendarsteller ausgezeichnet.
Kaum hatte Bigelow ihren Regie-Oscar entgegengenommen, wurde sie auch schon wieder bei der Verleihung für den besten Film des vergangenen Jahres auf der Bühne verlangt. Die 58-Jährige erinnerte an die Soldaten, die im Irak und in Afghanistan dienen. Ihr Thriller über einen Bombenentschärfer der US-Armee wurde auch für Drehbuch, Schnitt, Ton und Tonschnitt ausgezeichnet. Die Mitglieder der Oscar-Akademie haben bei der Vergabe der wichtigsten Preise der Branche offenbar den wirtschaftlichen Erfolg außer Acht gelassen: «The Hurt Locker» hat weltweit nur knapp 16 Millionen Euro eingespielt.
Das bislang höchste Einspielergebnis der Kinogeschichte von 1,8 Milliarden Euro hat Cameron im Gegenzug kaum genützt. Sein Fantasy-Spektakel über den Kampf eines außerirdischen Volks gegen menschliche Invasoren erhielt lediglich Oscars für Kamera, Ausstattung und visuelle Effekte. Die Pixar-Produktion «Oben» wurde bester Animationsfilm.
In den Schauspielkategorien gab es keine Überraschungen. Nach vier erfolglosen Nominierungen durfte Jeff Bridges («The Big Lebowski») für die Hauptrolle als gealterter Countrysänger in dem Drama «Crazy Heart» seinen ersten Oscar entgegennehmen. Er setzte sich unter anderem gegen George Clooney («Up in the Air») und Morgan Freeman («Invictus») durch.
Komödienspezialistin Sandra Bullock vergoldete ihren Wechsel ins ernste Fach mit dem Oscar als beste Hauptdarstellerin. Die Mitglieder der Oscar-Akademie ehrten die 45-Jährige für ihre Rolle als Ziehmutter eines Footballstars in dem Sozialdrama «Blind Side – Die große Chance». Bullock hatte erst am Samstag den Anti-Preis Goldene Himbeere als schlechteste Schauspielerin für die Komödie «Verrückt nach Steve» entgegengenommen. US-Comedian Mo´Nique war als prügelnde Mutter in «Precious – Das Leben ist kostbar» in der Nebendarsteller-Sparte erfolgreich.
Waltz ließ seinen Konkurrenten wie erwartet keine Chance und krönte den in Cannes begonnenen Siegeszug als SS-Oberst in «Inglourious Basterds» mit dem Oscar für den besten Nebendarsteller. Weniger Glück hatte sein österreichischer Landsmann Michael Haneke. «Das Weiße Band» unterlag dem Überraschungssieger «El Secreto de Sus Ojos» aus Argentinien. Hanekes ebenfalls nominierter Kameramann Christian Berger musste sich dem «Avatar»-Kollegen Mauro Fiore geschlagen geben.
Haneke dürfte den entgangenen Oscar verschmerzen können. Auf dem roten Teppich vor dem Kodak Theatre hatte er die Academy Awards als wichtigstes Werbemittel für Kinoproduktionen bezeichnet. Die Goldene Palme in Cannes sei hingegen der wichtigste Preis für den Film als Kunstform.
Nach der Grunderneuerung der Oscar-Gala im vergangenen Jahr gab es bei der 82. Ausgabe weitere Änderungen. Die Zahl der für den besten Film nominierten Produktionen wurde auf zehn verdoppelt, um das Interesse der Fernsehzuschauer anzufachen. Dafür wurden die Filmlieder nicht mehr live vorgetragen.
Dass die von den schlagfertigen Komikern Steve Martin und Alec Baldwin moderierte Veranstaltung dennoch auf rund dreieinhalb Stunden Laufzeit kam, lag unter anderem an einer etwas willkürlichen Rückschau auf die Geschichte des Horrorfilms. Emotional wurde es während der Hommage der Schauspieler Molly Ringwald («Prett in Pink») und Matthew Broderick («Ferris macht blau») an den Filmemacher John Hughes. Er war im August im Alter von 59 Jahren einem Herzanfall erlegen.
Für einen Höhepunkt des Abends sorgte Komiker Ben Stiller im «Avatar»-Kostüm inklusive blauem Make-up und Schwanz. Er präsentierte offenbar eine abgeschwächte Version der Persiflage, die Sacha Baron Cohen (»Borat”) geplant hatte. Sie war angeblich von den Produzenten der Gala gestrichen worden, um Regisseur Cameron nicht zu verärgern.
(ddp)