Astana/Berlin (ddp). Die Auslandsreisen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) stehen scheinbar unter keinem guten Stern. Während ihres Aufenthaltes in der Golfregion im Mai gab Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) überraschend seinen Ausstieg aus der Politik bekannt. Nun platzte im Verlauf von Merkels China-Besuch die Nachricht, Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust (CDU) wolle seinen Hut nehmen. Am Montag, nach Rückkehr von ihrer fünftägigen Reise, werden von der CDU-Chefin im Parteipräsidium andere Fragen auf der Tagesordnung stehen als die Investitionshemmnisse in China.
Wenn Merkel ins Ausland reist, wirkt sie für den Beobachter fast wie ausgewechselt. Die Kanzlerin agiert souverän und zugänglich und macht einen gelösten Eindruck. Zu Russlands Präsident Dmitri Medwedew hat sie ein fast freundschaftliches Verhältnis aufgebaut, beide duzen sich. Die ruhige, pragmatische und unideologische Art des russischen Staatschefs liegt der Kanzlerin. Bei den Regierungskonsultationen in Jekaterinburg hoben beide ihr gutes Verhältnis hervor, das für den Außenstehenden nicht sofort sichtbar wird.
Auch zu Chinas Premier Wen Jiabao hat Merkel einen guten Draht gefunden. Als besondere Geste wertet die Kanzlerin die Einladung in die Stadt Xi'an und zu einem persönlich gehaltenen Frühstück an ihrem 56. Geburtstag am Samstag. Dem Verhältnis beider mag auch der ähnliche berufliche Hintergrund zugutekommen. Merkel ist gelernte Physikerin, Wen ein studierter Geologe.
Die Kanzlerin kann in China kritische Anmerkungen etwa zu Menschenrechtsfragen machen, ohne dass es tiefgehende Verstimmungen gibt. Zumindest das Bemühen um mehr Offenheit war bei der chinesischen Führung bei Merkels Besuch unverkennbar. Bei einem Wirtschaftsforum am Samstag, wo Probleme von Managern beider Länder offen angesprochen wurde, war die Presse ausdrücklich zugelassen.
Nach den Gesprächen in der kasachischen Hauptstadt Astana am Sonntag warten am Montag die Mitglieder des CDU-Präsidiums in Berlin auf Merkels Ansichten zur bedenklichen Lage der Partei. Im jüngsten Politbarometer ist die SPD in der Sonntagsfrage mit der Union fast gleichauf, bei der Frage nach der Stimmung sogar deutlich vorbeigezogen. 87 Prozent der Bürger, darunter drei Viertel der Unions-Wähler, bescheinigen der schwarz-gelben Koalition, sie komme bei der Lösung der Probleme nicht voran. Offenbar haben die jüngsten Bemühungen, Ruhe in die Koalition zu bekommen, sowie die Einigung zu den Gesundheitsfinanzen, die Menschen noch nicht überzeugt.
Hinzu kommt für die CDU-Vorsitzende Merkel ein bemerkenswerter personeller Aderlass in ihrer Partei, auch wenn die Fälle für sich genommen alle etwas anders liegen. Bis zum Parteitag in Karlsruhe im November muss Merkel drei neue Stellvertreter finden, nachdem Koch zurückgetreten ist, Christian Wulff Bundespräsident und Jürgen Rüttgers in Nordrhein-Westfalen abgewählt wurde. Günther Oettinger wurde EU-Kommissar in Brüssel. Beust war für Merkel wichtig, weil er mit Schwarz-Grün in Hamburg der CDU generell eine neue Koalitionsoption aufzeigte.
Die Lücken in der zweiten CDU-Reihe hinter Merkel muss nun eine jüngere Generation füllen. In Niedersachsen könnte Ministerpräsident David McAllister rasch an Format gewinnen, in Baden-Württemberg könnte dies Amtskollege Stefan Mappus gelingen, wenn er die Landtagswahl 2011 ordentlich besteht. In Hamburg hat der 40-jährige jetzige Innensenator Christoph Ahlhaus Potenzial für höhere Aufgaben.
In Berlin meldete sich am Sonntag der wohl erfahrenste aktive Bundes-Politiker der CDU zu Wort, um die Lage zu entdramatisieren. Finanzminister Wolfgang Schäuble verteidigte den Rückzug prominenter Christdemokraten aus der Politik. Der «Welt am Sonntag» sagte er: «In anderen Ländern ist der Wechsel zwischen Politik und anderen Lebensbereichen viel selbstverständlicher.»
Auch eine Personalkrise sieht Schäuble in seiner Partei nicht. Da gebe es «erfahrene Schlachtschiffe» wie ihn, die aber viel jünger seien wie die Minister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), Ursula von der Leyen, Kristina Schröder oder Norbert Röttgen (alle CDU). Letzterer könnte bald auch im größten Landesverband der CDU in Nordrhein-Westfalen eine Schlüsselrolle spielen. Röttgen wird als Landesvorsitzender gehandelt, hält sich aber zu seinen Ambitionen noch bedeckt.
ddp