Tabakpflanze wehrt sich trickreich

Tabakpflanze wehrt sich trickreich

Cambridge (ddp). Zum Schutz vor gefräßigen Raupen öffnet eine Tabakpflanze einige ihrer Blütenkelche schon in der Morgendämmerung und nicht erst wie üblich am Abend. Dies haben deutsche Forscher bei ihren Untersuchungen in der Great-Basin-Wüste in Utah herausgefunden. Mit diesem Trick verhindert die Pflanze, dass der nachtaktive Tomatenschwärmer seine Eier auf ihr ablegt und sie später von den ausgeschlüpften hungrigen Raupen verspeist wird. Anstatt sich von den tückischen Faltern bestäuben zu lassen, locken die tagsüber offenen Blüten Kolibris an, die für die Bestäubung der Pflanze sorgen, ohne sie in Lebensgefahr zu bringen. Die Forscher um Ian Baldwin vom Max-Planck-Institut für chemische Ökologie in Jena stellen ihre Ergebnisse im Fachmagazin «Current Biology» vor (doi:10.1016/j.cub.2009.11.071).

Die Tabakpflanze Nicotiana attenuata öffnet ihre Blüten bei Einbruch der Dunkelheit, um mit ihrem Duft den Tomatenschwärmer anzulocken. Zwischen Pflanzen und Faltern besteht normalerweise ein Geben und Nehmen: Der Falter  ernährt sich vom Nektar, den er im Blütenkelch findet, gleichzeitig transportiert er dabei Pollen von Blüte zu Blüte und bestäubt auf diese Weise die Pflanze. Beim Tomatenschwärmer hat die Geschichte allerdings einen Haken: Die Weibchen des Nachtfalters legen ihre Eier mit Vorliebe auf den Tabakpflanze ab. Aus den Eiern schlüpfen nach kurzer Zeit junge Raupen, die die Pflanze zu vertilgen beginnen.

Auf diese Attacken reagiert die Tabakpflanze: Stimuliert durch Stoffe im Speichelsekret der Tomatenschwärmer-Raupe, öffnen sich Blüten von raupenbefallenen Pflanzen nicht mehr am Abend, sondern erst am Morgen. Außerdem beobachteten Baldwin und sein Team, dass die attackierten Tabakpflanzen deutlich weniger falteranziehende Duftstoffe aussandten und auch die Zuckerkonzentration des Nektars reduziert war. Dies hat zur Folge, dass die Tomatenschwärmer die begehrten Blüten buchstäblich übersehen, schreiben die Forscher. Anstelle der Nachtfalter haben die Pflanzen einen neuen Bestäubungspartner gefunden: Einen in der Region beheimateten Kolibri, der sich damit begnügt, lediglich den Nektar zu trinken.

In Feldexperimenten untersuchten die Forscher, wie Falter sowie Kolibris die Pflanze bestäuben und wie der Tabak sein Entwicklungsprogramm zugunsten der Kolibris umstellt. Um herauszufinden, wie die Pflanze die Raupen erkennt, verletzten die Wissenschaftler eines ihrer Blätter und bestrichen es mit Speichelsekret der Tomatenschwärmer-Raupe. Die Pflanze regierte wie nach einem Insektenangriff: Nach ungefähr drei Tagen produzierte die Pflanze mehr Blüten, die sich am Morgen öffnen, als nicht-attackierte Pflanzen.

Weshalb sich die Tabakpflanze die Mühe macht, Blüten zu produzieren, die den gefräßigen Tomatenschwärmer anziehen, ist noch ungeklärt. Viel einfacher wäre es doch, direkt die Kolibris zu ködern, geben die Forscher zu bedenken. Es könne aber sein, dass die Nachtfalter, trotz ihrer Fehler die zuverlässigeren und effektiveren Bestäuber seien als die Vögel.

(ddp)

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