Berlin (ddp). Angesichts der Skandale wegen sexuellen Missbrauchs zeigt sich die katholische Kirche reumütig. Der Münchner Erzbischof Reinhard Marx räumte mangelnde Aufklärungsbereitschaft in der Vergangenheit ein. Der frühere Chef der Regensburger Domspatzen und Papstbruder Georg Ratzinger entschuldigte sich für Misshandlungen während seiner Amtszeit und gestand, dass er selbst Ohrfeigen verteilte. Unterdessen gibt es Berlin Ärger über die Besetzung des geplanten Runden Tisches gegen sexuellen Missbrauch an Schulen.
Zu dem von Familienministerin Kristina Schröder und Bildungsministerin Annette Schavan (beide CDU) für den 23. April einberufenen Runden Tisch ist Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) bisher nicht persönlich eingeladen. Das bestätigte ein Sprecher ihres Ressorts am Dienstag auf ddp-Anfrage. FDP-Fraktionsgeschäftsführer Christian Ahrendt nannte dies brüskierend. Offensichtlich sei die Zusammensetzung des Runden Tisches «mit heißer Nadel gestrickt». So werde den Opfern nicht geholfen.
Leutheusser-Schnarrenberger verlangte derweil bei rechtlicher Verjährung von Taten sexuellen Missbrauchs «freiwillige Wiedergutmachungen». Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, dass nur Fälle zugegeben werden, die sich nicht länger bestreiten lassen.
Die Deutsche Bischofskonferenz forderte «Geistliche zu einer Selbstanzeige auf, wenn Anhaltspunkte für eine Tat vorliegen». Der sexuelle Missbrauch Minderjähriger durch Geistliche sei nach kirchlichem Recht eine besonders schwere Straftat. Daher unterstütze die katholische Kirche die staatlichen Behörden «vorbehaltlos». Zugleich stellte die Bischofskonferenz klar: «Das kirchliche Verfahren ist selbstverständlich dem staatlichen Verfahren nicht vorgeordnet.»
Auch Marx betonte: «Eine Kirche darf nicht in Verjährungsfristen denken, sondern in der moralischen Verantwortung, die auch über Generationen geht.» Zugleich räumte der Erzbischof ein: «Es gab sicher Tendenzen in der Vergangenheit, das Ansehen der jeweiligen Institution nicht zu beschädigen». In Klöstern herrsche möglicherweise eine «übertriebene Solidarität, die es schwer macht, über Negatives zu sprechen».
Der Erzbischof bekannte angesichts der Geschehnisse: «Ich empfinde Scham.» Er rechne auch mit einer Einmischung des Papstes in die Debatte: «Ich bin überzeugt, der Papst wird uns aufrufen, uns neu auf den Weg zu machen und diese schreckliche Erfahrung als Herausforderung zu sehen.»
Der Bruder von Papst Benedikt XVI., Georg Ratzinger, gestand derweil, früher selbst Domspatzen geschlagen zu haben: «Ich habe am Anfang wiederholt auch Ohrfeigen ausgeteilt.» Er gab auch zu, von Prügeln gewusst zu haben. Berichte von Schülern seien bei ihm aber «nicht so angekommen, dass ich glaubte, etwas unternehmen zu müssen». Heute verurteile er die Prügel umso mehr. «Gleichzeitig bitte ich die Opfer um Verzeihung.» Von den Fällen sexuellen Missbrauchs habe er nichts gewusst. «Bei uns im Haus ist über diese Dinge nie gesprochen worden», sagte Ratzinger, der von 1964 bis 1994 im Amt war.
Im Bistum Limburg wurden am Dienstag weitere Verdachtsfälle bekannt. Der Missbrauchsbeauftragte untersuche Verdachtsfälle gegen fünf weitere Priester und kirchliche Mitarbeiter», teilte das Bischöfliche Ordinariat mit. In der vergangenen Woche hatte Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst bereits von fünf Priestern berichtet, die mindestens sechs Minderjährige missbraucht haben sollen.
(ddp)
