München (ddp-tsch). Positive Schlagzeilen sind Mangelware, wenn es um die heranwachsende Web-2.0-Generation geht: Die Jugendlichen lesen keine Bücher mehr, haben keinen Respekt vor geistigem Eigentum, geben Fremden im Chat ihre Adressen und Mobben sich gegenseitig via Social Network und Instant Messenger. Doch ist diese niedrige Meinung über die Jugend und ihre Mediennutzung tatsächlich gerechtfertigt? Eine gemeinsame Studie der Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg und der Landeszentrale für Medien und Kommunikation Rheinland-Pfalz belegt, dass die jungen Wilden zahmer sind, als man glauben mag.
Ob nun Hauptschüler, Realschüler oder Gymnasiast – noch nie hatten Jugendliche Zugang zu so vielen Medien: 100 Prozent der 1200 Befragten zwischen 12 und 19 Jahren gaben an, in einem Haushalt zu leben, in dem es mindestens ein Handy und einen Computer gibt. Mit 98 Prozent drängte sich der Internetanschluss auf Platz zwei der Gerätestatistik und schlägt damit den Fernseher um einen Prozentpunkt. In der Nutzungshäufigkeit liegen beide Medien noch gleichauf: Sowohl Rechner als auch Fernseher werden von 90 Prozent der Jugendlichen mehrmals pro Woche oder gar täglich angeworfen. Rein technisch gesehen ist die Generation Web 2.0 also noch nicht einmal eine wirkliche Generation Internet, sondern ebenso fest mit dem Fernsehen verbunden.
Eine Feststellung, die sich auch auf das Informationsverhalten übertragen lässt: Zwar ist das Internet in vielen Themenbereichen erste Anlaufstelle, jedoch nur für bestimmte Interessengebiete. Geht es um das Zeitgeschehen, ziehen Jugendliche Fernsehsendungen den Online-Angeboten vor, im Lokalbereich siegt sogar die gute alte Tageszeitung. Komplett abgemeldet sind die alten Medien durch das Web also noch nicht – Radio scheint davon sogar zu profitieren: 35 Prozent der Befragten erklärten, dass sie im Vergleich zum Vorjahr mehr Radio hören würden als zuvor. Warum sich das in einem Plus von lediglich einem Prozent gegenüber der Radionutzung 2008 niederschlägt, lässt sich leicht erklären: Statt klassischer Radiogeräte wählt die Jugend mittlerweile lieber das Handy oder den MP3-Player als Empfangsgerät für unterwegs. Radioprogramme, die nur online empfangbar sind, kratzen die Kids relativ wenig: Nur ein Prozent der Befragten bevorzugt reine Webradios.
Auch das Fernsehen im Netz ist nicht so gefragt, wie es die Betreiber wohl gern hätten: Mediatheken finden nur drei Prozent der Studienteilnehmer interessant, Live-Streams werden lediglich von vier Prozent angesteuert. Immerhin acht Prozent der Jugendlichen gaben an, Fernsehsendungen im Web zeitversetzt anzusehen. Clipmüde sind die 12- bis 19-Jährigen allerdings nicht: Portale wie YouTube oder MyVideo erfreuen sich bei zwei Dritteln aller Befragten großer Beliebtheit. Und doch stellt die Studie fest, dass die Heranwachsenden relativ träge sind, wenn es um das Mitmachen im Mitmach-Web geht: Nur vier Prozent der Befragten bloggen oder twittern. Videos und Fotos werden von acht Prozent hochgeladen. Als passives Informationsmedium, beispielsweise im Bereich Musik, erfreut sich das Web 2.0 hingegen großer Beliebtheit.
Gesondert betrachtet wurden in dieser Untersuchung Communitys und soziale Netzwerke, die im Vergleich zum Vorjahr deutlich wichtiger wurden: Loggten sich 2008 57 Prozent der 1200 Jugendlichen bei Facebook, StudiVZ und Co. ein, sind es nun bereits 72 Prozent – ein Anstieg, der in allen Altersgruppen gleichermaßen zu verzeichnen ist. Das in diesem Zusammenhang vieldiskutierte Problem des Internetmobbings ist den meisten leider geläufig. Ein Viertel der Jung-User kennt jemanden, der bereits zum Opfer wurde. Die Ermahnungen zum vorsichtigen Umgang mit den eigenen Daten im Netz scheinen allerdings – wenn auch langsam – zu fruchten: Der Anteil derer, die Messengernummer, E-Mail-Adresse oder gar die eigene Telefonnummer im Web publizieren, ist leicht rückläufig. Und auch die Gefahr, durch virtuelle Kommunikation den Kontakt zum realen Freundeskreis zu verlieren, scheint gering: «Freunde treffen» ist für 88 Prozent der Kids die beliebteste non-mediale Freizeitbeschäftigung – und daran hat sich im Vergleich zum Jahr 2004 nichts geändert.
Überhaupt: Der Fünf-Jahres-Vergleich zeigt, dass die Jugendlichen heutzutage mehr Sport treiben, mehr mit der Familie unternehmen, seltener shoppen und dafür häufiger in die Kirche gehen. Und auch der Bücherwurmanteil ist mit rund 40 Prozent äußerst stabil. So schlimm scheint es um die Jugend also gar nicht zu stehen.
(ddp/teleschau)
