München (ddp-tsch). Was macht eigentlich Peter Gabriel? Die Frage scheint berechtigt, schließlich sucht der britische Musiker in den letzten Jahren kaum die ganz breite Öffentlichkeit. So schloss er eine Genesis-Reunion in 70er-Jahre-Originalbesetzung unlängst wieder aus, sein letztes Soloalbum «Up» liegt bereits acht Jahre zurück. Um die Frage nach Gabriels Verbleib zu beantworten: Er war und ist alles andere als untätig, denkt aber nicht unbedingt in musikalischen Verwertungszyklen, sondern lieber in künstlerischen Projekten. Und so ist auch «Scratch My Back» kein gewöhnliches Coveralbum, sondern wird von einer spannenden Idee getragen.
Der Titel geht auf ein englisches Sprichwort zurück: «You scratch my back and I´ll scratch yours», ein Idiom, das auf Deutsch so viel wie «Eine Hand wäscht die andere» bedeutet. Gabriels Plan ist eine Art «Songaustauschprogramm»: Der 60-Jährige interpretiert Songs von Legenden wie Lou Reed («The Power Of The Heart»), David Bowie («Heroes») und Neil Young («Philadelphia»), aber auch kontemporären Bands wie Elbow («Mirrorball») und Radiohead («Street Spirit (Fade Out)»), die sich zu einem bislang noch unbekannten Zeitpunkt ihrerseits mit Coverversionen seiner Songs revanchieren sollen.
Nicht nur aufgrund der Grundkonstellation ist «Scratch My Back» auch musikalisch eine spannende Angelegenheit. Denn Gabriel kennt keine falsche Scheu, entschleunigt und entstellt die Songs teilweise völlig und gewinnt ihnen dadurch neue Qualitäten ab. Sicherlich: Mit Ausnahme von Paul Simons «The Boy In The Bubble» ist das Ausgangsmaterial schon per Herkunft nicht unbedingt fröhlicher Uptempo-Pop. Aber wie bedrohlich, teilweise sogar verstörend der Ex-Genesis-Sänger, nur mit seiner Stimme und wahlweise von Klavier oder Orchester begleitet, emotionale Hymnen wie Arcade Fires «My Body Is A Cage» verlangsamt, ist ziemlich sensationell. Hinsichtlich des Tempos knüpft er trotz achtjähriger Pause sogar nahtlos an den Slow-Motion-Progrock von «Up» an.
Klar: Bei diesem hervorragend von Bob Ezrin (Alice Cooper, Pink Floyd) und Tchad Blake (Pearl Jam, Tom Waits) produzierten und klanglich transparenten Stück Kammer-Pop ist Gabriels hoher künstlerischer Anspruch bei jeder Note spürbar. Und seine Coverversionen sind auch nichts für zartbesaitete Gemüter. Ein kurzes Aufhorchen der breiteren Öffentlichkeit hätte «Scratch My Back» dennoch mehr als verdient.
(ddp)
